"Der magische Briefkasten"

- oder wie man die Liebe wiederfindet

Briefträger Schwanenflügel trägt seit über 40 Jahren Briefe aus. Immer die gleiche Strecke, er kennt jeden Baum und Strauch. Seit 40 Jahren ist er auch verheiratet. Eine glückliche Ehe, aber sie ist auch zur Gewohnheit geworden. Wie die Briefe. Immer der gleiche Tagesablauf, dabei liebt er seine Frau. Aber mit der Zeit haben sie sich weniger und weniger zu sagen. Er kennt sie und ihr gemeinsames Leben in- und auswendig – wie seine Strecke. Dabei wünscht er sich so sehr, wiedereinmal mit ihr zu plaudern, sich gegenseitig etwas zu erzählen, so wie früher. Damals war alles neu, sie kannten sich noch nicht und es gab soviel zu entdecken.

Herr Schwanenflügel seufzt tief, nimmt seine Tasche mit den vielen Briefen und macht sich auf den Weg. Dabei denkt er an den heutigen Morgen mit seiner Frau. Sie sagte nicht viel, lächelte kaum, sah traurig aus. Auf seine Frage warum, mochte sie nicht antworten. Schenkte ihm nur wortlos den Kaffee ein, packte sein Butterbrot in die Tasche und winkte ihm kurz nach, als er das Haus verliess.

Briefträger Schwanenflügel empfindet seine Tasche heute als besonders schwer, dazu war es wiedereinmal sehr heiss und die Strasse staubig, endlos und einsam – so wie sein Herz. Diese unzähligen Briefkästen, wie gefrässige Mäuler, die gestopft werden wollten, jeden Tag aufs neue.

Er nimmt das erste Bündel Briefe aus der Tasche und beginnt, sie in die entsprechenden Briefkästen zu stecken. Die Briefkästen sind alle sehr unterschiedlich, fast menschlich. Einige sind neu und der Name gut lesbar, andere schon älter und von Wind und Wetter gezeichnet. Bei manch einem hat sich der Rost bereits durch den Lack gefressen und das Blech dünn werden lassen. Es gibt auch einen Briefkasten, bei der Hausnr. 17, der so ausieht, als ob er  - obwohl neu - sehr selten geleert werden würde, aber es passt irgendwie immer noch ein Brief hinein, darüber wundert sich Briefträger Schwanenflügel manchmal. Am Briefkasten steht kein Name, das Haus selbst ist eher klein, etwas verfallen und liegt zurückgezogen von der Strasse. Menschen hat er dort noch nie gesehen.

Mit den Jahren lernte er auch die Post der Leute kennen, es waren Briefe von Banken oder Versicherungen dabei, Rechnungen, Urlaubspostkarten und natürlich Post von Behörden. Manchmal auch ganz private Briefe, das erkennt er an den handgeschriebenen Adressen. Schöne, geschwungene Buchstaben, mit richtiger Tinte und sorgfältig auf der Mitte des Umschlages plaziert. Ganz selten kann er einen zarten Parfumeduft in seiner Nase spüren, wenn er einen solchen Brief aus der Tasche zieht und in den Kasten steckt, dann kommt er nicht umhin, ihn kurz an sich zu drücken. Er erinnert sich plötzlich an die erste Begegnung mit seiner Frau und die innigen Briefe, die sie sich damals schrieben. Doch das ist schon lange her.   

Heute ist es besonders heiss. Obwohl noch früher Vormittag, rinnt ihm der Schweiss bereits von den Schläfen in den Hemdkragen der Uniform. Noch soviele Briefe in seiner Tasche! Die Strasse scheint kein Ende nehmen zu wollen, er trocknet sich die Stirn mit einem Taschentuch und stellt sich für eine Weile in den Schatten unter einen Baum. Er ist jetzt fast bei der Nummer 17 angelangt und sieht in seiner Tasche nach, ob er wohl auch heute einen Brief für diesen merkwürdigen Briefkasten dabeihat. Richtig, da ist er und er sieht sehr offiziell aus.

Herr Schwanenflügel tritt aus dem Schatten des Baumes hervor und will gerade den Brief in den Kasten stecken, als ihm auffällt, dass nicht alles so ist wie immer. Im Schlitz des Briefkastens steckt etwas. Er zieht daran und sieht, dass es ein Briefbogen ist, sorgfältig in der Mitte gefaltet. Was soll er damit anstellen? An wen ist dieser Brief gerichtet? Er muss ihn wohl oder übel aufklappen, das Briefgeheimnis brechen und ihn lesen, sonst würde er es nie herausfinden und ihn seinem rechtmässigen Empfänger zustellen können; dies geht entschieden gegen Herrn Schwanenflügels Berufsehre und er entschliesst sich, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Er meint sogar, einen leichten Parfumeduft verspüren zu können.

Atemlos liest er:

„Verehrter, unbekannter Briefträger!

Ich freue mich immer, wenn ich Post erhalte, die Sie mir so gewissenhaft und treu ergeben bringen. Niemals lassen Sie mich im Stich. Ich bin eine einsame Frau, die Briefe sind mein ganzer Lebensinhalt, mein Fenster zur Welt, die ich so liebe, aber von der ich vielzuwenig sehe. So bleiben mir nur die Briefe und Sie, der Überbringer, den ich gerne näher kennenlernen würde. Vielleicht mögen Sie mir antworten, niemand wäre darüber glücklicher als ich.

Die freundlichsten Grüsse

Nr. 17"

Herr Schwanenflügel traut kaum seinen Augen, als er diese Worte liest. Eine Frau, die ihm, einem Briefträger, schreibt, weil sie ihn näher kennenlernen will?! Aber das geht doch gar nicht, er hat ja schon eine Frau, die er liebt. Sie sprechen zwar nicht mehr soviel miteinander wie früher, aber diese Wortlosigkeit hat an seinen Gefühlen für sie nichts geändert. Was soll er tun? Er ist nur Briefträger, der Briefe bringt, er soll sie nicht bekommen!

Er weiss sich keinen Rat und steht eine Weile in der sengenden Sonne, bis er schliesslich den Brief wieder faltet und in die Brusttasche seiner Uniformsjacke steckt, nicht ohne zuvor wieder einen zarten Hauch von Parfume vernehmen zu können.

Aufeinmal kommt ihm die sonst so staubige Strasse viel kürzer vor, er geht schneller als sonst und auch die Hitze macht ihm jetzt nicht mehr soviel aus. Der Brief in seiner Brusttasche brennt wie Feuer, das kann er sich nicht erklären. So ein Gefühl hat er schon lange nicht mehr gespürt und er macht erneut Halt unter einem Baum, um ihn wieder hervorzuholen und zu lesen, viele Male.

Schliesslich ist es Zeit, die restlichen Briefe zu verteilen und er beendet seine Strecke früher als sonst, so beschwingt ist ihm zu Mute. Daheim bei seiner Frau kann er seine gute Laune kaum verbergen, aber diese ist so wortkarg wie immer und schon nach kurzer Zeit fallen beide wieder in ihre gewohnte Sprachlosigkeit zurück. Auch der nächste Morgen ist wie immer, jedoch ist er gespannt auf den Briefkasten Nr. 17 und darauf, ob wohl ein weiterer Brief auf ihn wartet.

Dort angekommen, merkt er seine Enttäuschung schon von weitem – kein weisses Papier steckt im Schlitz. Hat er sich alles nur eingebildet? Aber der Brief in seiner Brusttasche ist noch da und er liest ihn nocheinmal. Sollte er der geheimnisvollen Frau antworten? Seine Frau dürfte davon natürlich nichts erfahren, das würde sie nur missverstehen und traurig machen. Eigentlich widerstrebt es ihm, seiner Frau etwas zu verheimlichen, aber er braucht nun einmal etwas Ansprache, seine Arbeit ist einförmig und er ist viel allein, da ist etwas Aufmerksamkeit nur angemessen. Seine Gewissensbisse plagen ihn noch eine Weile, dann entschliesst er sich, der Unbekannten zu antworten: 

„Verehrte Nr. 17,

ich fühle mich überrascht und geehrt zugleich darüber, dass Sie so freundlich ein Wort an mich richten. Ich bin nur ein Briefträger, der allein die Strassen entlanggeht und seine Arbeit gewissenhaft ausführt. Dabei vermisse ich oft ein Gespräch, einen Menschen, der mir zuhört. Vielleicht habe ich einen solchen in Ihnen gefunden? Es wäre mir eine grosse Freude und ein Bedürfnis, mich Ihnen anzuvertrauen.

Ihr stets ergebener

Briefträger"

Herrn Schwanenflügel klopft das Herz bis zum Hals, als er den Brief faltet und ihn in den Briefkasten Nr. 17 steckt. Was hat er getan?! Was soll daraus werden? Wird sie ihm antworten? Schweissnass vor Aufregung sind seine Hände, als er nach Hause zurückkehrt. Es ist ihm seltsam zumute, fast so wie früher, als er jung und zum erstenmal verliebt war. Wie ein Schuljunge fühlt er sich und hat Lust, seine Frau in einem ausgelassenen Tanz herumzuwirbeln. Auch sie erscheint ihm heute in einem anderen Licht. Sie wirkt jünger, das Gesicht weicher, sie lächelt ihn an. Beide geniessen die neue Stimmung zwischen ihnen und der Abend verläuft anders als gewohnt.

Wieder mit klopfendem Herzen macht sich Herr Schwanenflügel am nächsten Morgen früher als sonst auf den Weg. Seine Frau fragt nicht warum, auch sie scheint verändert und trägt ein hübsches Kleid, obwohl gar kein Anlass dazu besteht. Schon von weitem sieht der Briefträger ein weisses Stück Papier leuchten und richtig, es ist die Nr. 17, die einen Brief für ihn bereithält. Sein Herz jubelt, so hat sie ihm doch geantwortet!

Mit ungeduldigen Fingern entfaltet er den Brief und liest:

„Lieber unbekannter Briefträger,

so gross ist die Freude, die ich gestern spürte, als ich Ihr vertrauensvolles Schreiben erhielt, als dass mein Dank dafür nicht herzlich genug sein kann. Sie sprechen mir aus der Seele, auch ich vermisse einen Menschen, der mir zuhört, der mit mir seine Gedanken teilt und dem ich mich anvertrauen kann... wohl habe ich einen treuen Mann, den ich liebe, aber er kann nicht alle meine Bedürfnisse erfüllen..."

Briefträger Schwanenflügel stockt der Atem, er liest und liest, der Brief ist sehr lang und persönlich. Die unbekannte Frau erzählt  ihm von ihrem Leben, so als würden sie sich schon lange kennen und gute Freunde sein. Aber er versteht sie gut, denn es geht ihm ähnlich. So entschliesst er sich, ihr noch hier und heute zu antworten:

"Verehrte Nr. 17,

auch ich fühle mich glücklich und beehrt, mit einem so innigen Schreiben von Ihrer Hand bedacht zu werden. Ich versichere Ihnen mein vollstes Verständnis und Vertrauen und kann Ihnen in Ihren Ausführungen nur zustimmen. Auch ich habe die von Ihnen beschriebenen Wünsche und Sehnsüchte, die erfüllt werden wollen. So möchte ich zum Beispiel  gerne einmal ..."

Herr Schwanenflügel vergisst Zeit und Ort und schreibt und schreibt, alles, was ihm seit Jahren auf der Seele brennt und ihn bedrückt hat und was er seiner Frau nicht anvertrauen kann, weil er glaubt, dass sie dafür kein Verständis haben würde. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich ihre Lebensgeschichten ähneln. Einige Zeit lang schreiben sie sich, tauschen ihre Briefe aus und kommen sich näher und näher. Er fühlt sich froh und leicht zumute, und auch daheim ist seine Frau ganz verändert, heiter und gelöst kommt sie ihm vor. Er hat auch kein schlechtes Gewissen mehr ihr gegenüber, so sehr hat er sich an ihre neue Situation gewöhnt, er merkt fast keinen Unterschied mehr zwischen seiner Frau daheim und der verständnisvollen Unbekannten in der Nr. 17.

Auf diese angenehme Weise hätte alles noch viele Jahre so weitergehen können, wenn Herr Schwanenflügel nicht eines Tages in einem der schönen Briefe der Nr. 17 den Wunsch nach einem Kennenlernen gelesen hätte. Die Unbekannte schlägt darin vor, sich am selben Briefkasten zu treffen, der sie beide so glücklich und zufrieden gemacht hat.

Die alten Gewissensbisse des Briefträgers kehren auf einmal zurück, voller Schuldgefühl wegen seiner Frau weist er den Vorschlag zurück und entschuldigt sich mit Zeitmangel auf der Strecke und dass ihm längere Aufenthalte nicht gestattet seien. Traurig steckt er an diesem Tag den Brief in den Kasten - vielleicht will die Unbekannte nun nichts mehr von ihm wissen, weil er ein Kennenlernen ablehnt? Missmutig begibt er sich nach Hause. Auch hier ist die Stimmung fast wieder wie früher, bevor er den romantischen Briefwechsel mit der Unbekannten begann. Seine Frau ist still und zieht sich nach dem Abendessen ganz in sich zurück. So verbringt er die Nacht mit Grübeln und hat am nächsten Morgen einen Entschluss gefasst: Er will die Nr. 17 kennenlernen, sein ganzes Glück steht auf dem Spiel, dafür ist es noch nicht zu spät. Schweren Herzens verabschiedet er sich von seiner Frau und eilt so schnell er kann zu seiner Strecke, wo er bald die Nr. 17 erreicht. 

Zitternd vor Aufregung steht er vor dem Briefkasten, der seine ganze Zukunft bedeutet. Nach einem kurzen Zögern wirft er den Brief, den er letzte Nacht geschrieben hat, ein und fühlt somit sein Schicksal besiegelt. Er schlägt darin vor, dass sie sich am nächsten Tag um Punkt 12 Uhr an der Nr. 17 treffen, und es fällt ihm dabei sehr schwer, bis morgen zu warten.

Als er nach Hause kommt, ist seine Frau ganz ungewöhnlich guter Dinge. Das kann er sich überhaupt nicht erklären. Sie hat sogar sein Leibgericht gekocht und zum ersten Mal seit langer Zeit meint er, einen schwachen Parfumeduft vernehmen zu können. Erwartet sie etwa Besuch, von dem er nichts weiss? Obwohl er ganz schweigsam den Abend verbringt und nur an Morgen denkt, summt seine Frau leise eine Melodie, die er gut kennt. Es ist das Lied, zu dem sie zum ersten Mal getanzt haben, damals.

Mit klopfendem Herzen macht er sich am nächsten Morgen eilig auf zu seiner Strecke, er hat extra ein neues Uniformhemd angezogen: Noch nie zuvor hat er so schnell die Briefe verteilt, aber die Uhr scheint heute keine Eile zu haben. Wie im Schneckentempo vergehen die Stunden, endlich ist es soweit, es ist 12 Uhr und er ist nur wenige Schritte von Briefkasten Nr. 17 entfernt. Endlich ist er dort und seine Enttäuschung ist unbeschreiblich: Sie ist nicht da! Sie hat ihm die erste Ablehnung übelgenommen, jetzt ist alles aus.

Er kann es nicht glauben, so fest war er überzeugt, dass sie kommen würde, so gut glaubte er bereits, sie zu kennen. Atemlos steht er vor der Nr. 17, unfähig, sich zu bewegen. Mit einem Mal hört er ein leises Rascheln, das Geräusch einiger abgeknickter Zweige, schliesslich kommt eine Frau zum Vorschein, geht mit raschen Schritten an den blühenden Sträuchern vorbei, sie trägt ein hübsches Kleid und er kann jetzt schon den Parfumeduft spüren, den er so liebt und der ihm so vertraut ist. Die unbekannte Nr. 17 ist - seine eigene Frau!