"The bird and the bee" auf Deutsch

Prolog:

In Dänemark sagt man, dass die Hummel eigentlich gar nicht fliegen können dürfte, weil ihr Körper dafür viel zu schwer sei. Glücklicherweise weiss die Hummel davon nichts, glaubt an sich selbst und - fliegt!

 

Die Hauptperson meiner Geschichte, ein Maler, hat Liebeskummer. In einem Kloster sucht er Antwort auf seine Fragen. Das Kloster wurde damals von einem ungewöhnlich grossen Mönch erbaut, der Gott gegenüber seine Demut beweisen wollte. Darum baute er die Häuser so niedrig, dass er sich immer bücken musste, wenn er sie betreten wollte. Aber der Maler findet im Kloster keine Ruhe und um sein Leid zu mildern, geht er auf Reisen, über die sieben Weltmeere, durch ein Gebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, genannt das ”Waghan-Tal“.

Unterwegs, in diesem stillen Gebiet, hat er Zeit, über seine Situation und das Dasein als solches nachzudenken. Wie er sein Leben nutzt. Er schlägt ein Lager auf und versucht, seine Gefühle in Liebesbriefen auszudrücken, aber keiner von ihnen kann das beschreiben, was er wirklich fühlt. Er vermisst sie und sieht ihr Gesicht und ihre Erscheinung überall, oben in den Bergen oder unten, zwischen den zahlreichen Steinen.

Die Berge und Steine fangen an, ihre Farbe und Form zu verändern, er träumt sich in eine andere Welt. Doch er muss seinen langen Weg fortsetzen, Flüsse und Grenzen überqueren, durch wüstenähnliche Landschaften wandern, wo seine einzigen Begleiter die Steine sind. Mitten in den Bergen glaubt er, eine kleine Hütte zu sehen, und er wünscht sich so sehr, ihre Stimme hören zu können.

Hin und wieder macht er eine Pause und beginnt mit Hilfe der Steine, eine Stellvertreterin für sie zu bauen. Jemanden, mit dem er sprechen und sich anvertrauen kann. Oder ist es ein Selbstportrait? Lange sitzt er dort und spricht und fühlt sich nicht mehr so allein. Spricht über sein Leben, seine Unabhängigkeit und Freiheit, welche er nicht glaubt, spüren zu können, wenn er an einen anderen Menschen gebunden ist. Dann fühlt er sich verpflichtet und gefangen und schwer und nicht so leicht und luftig und froh, wie wenn er ungebunden ist. Aber er möchte auch gerne geliebt werden. Die Stellvertreterin versteht es, gut zuzuhören.

Es ist auch schon lange her, dass er seine Familie gesehen hat, die ganz woanders lebt. Seine Mutter, sein Vater und sein Bruder. Er wandert weiter und kommt an eine Böschung. Hier liegen Steine, die er noch niemals zuvor gesehen hat und er beginnt, Figuren zu bauen. Zuerst die Mutter, danach den Bruder und zum Schluss den Vater, zu dem er ein schwieriges Verhältnis hat. Der Vater meint, dass die Malerei kein ordentlicher Beruf sei und findet das Leben seines Sohnes viel zu unstrukturiert.

Der Maler denkt plötzlich an den Text in einem Lied, das er einmal gehört hat: .. "true love will find you in the end, you'll find out just who was your friend, don't be sad, I know you will, but don't give up until true love finds you in the end. This is a promise with a catch, only if you are looking will it find you 'cause true love is searching too. But how can it recognize you unless you step out into the light? But don't give up until true love finds you in the end." Er fühlt etwas Trost bei diesen Worten.

Die Steine werden ganz lebendig, plötzlich sieht er eine Bushaltestelle, mitten in den Bergen. Die Haltestelle sieht so aus wie die in seinem Heimatort. Sie hat immer den Bus genommen, wenn sie ihn besuchen wollte, weil sie weit voneinander entfernt wohnten. Ist sie ihm trotzdem nachgereist? Nein. Er wollte sie nicht haben, das schrieb er ihr ganz deutlich, obwohl er manchmal ganz etwas anderes meinte.  Aber jetzt sitzt der Schmerz in ihm und will nicht weggehen. Der Maler denkt an den Tag, an dem sie ein ernstes Gespräch hatten. Sie haben ihre unterschiedliche Art zu leben diskutiert und woran jeder von ihnen glaubt. Er glaubt an nichts Bestimmtes, aber das tat sie.  Vertrauen. Aufrichtigkeit. Liebe.  Er seufzte tief bei dem Gedanken an diesen Abend und Nacht, die so merkwürdig endeten. Manchmal gab er sich seinen Phantasien hin, mit ihr zu leben, sie zu lieben, zu malen und glücklich zu sein. Aber er ist doch auch der freie Bohême, egoistisch und selbstbezogen, ja, er mag sein Leben eigentlich so, wie es ist.  Aber manchmal kann er den roten und den weissen Teufel spüren, die ihn anstossen: Ein Herz ist ein kostbares Geschenk, das nicht jeder bekommt. Wirf es nicht weg! Wie oft in seinem Leben bekommt man ein Herz geschenkt?

Sonnenuntergang. Das hört sich romantisch an und er hat schon einige Male einen solchen gemalt. Damals sassen sie lange zusammen am Strand und haben zugesehen, wie die Sonne im Meer verschwandt. Er fängt an, zwei Figuren aus Steinen zu bauen und fühlt, dass sie ihm und ihr ähnlich sehen. Verbundenheit, aber auch Individualität ausdrücken

Er beginnt, auch das Meer und das Licht am Horizont zu vermissen und sehnt sich danach, weiterzukommen, mit sich und seinem neuen Leben. Sehnt sich zum ersten Mal nach langer Zeit danach, wieder zu malen, neue Bilder, grosse Bilder, runde Formen, weiche Farben, wo die Leinwand vor Nässe trieft und die Farben verlaufen. Ob sie wohl den Brief von ihm bekommen hat? Er hat ihn vor langer Zeit abgeschickt, ohne genau zu wissen, wann, er hat jedes Zeitgefühl verloren. Will er überhaupt eine Antwort von ihr? Würde sie ihm jetzt glauben, obwohl er früher etwas ganz anderes gesagt und oft seine Meinung gewechselt hat? Aber der Gedanke an sie erwärmt seine Brust und er spürt die Freude bei der Vorstellung, sie bald wiederzusehen.

Auf einem langen Zaun am Meer findet er einen Briefkasten. Merkwürdig, an einem solchen Ort einen Zaun zu bauen. Die Pfosten sehen aus wie eine lange Reihe von Menschen, helle und dunkle, kleine und grosse. Im Briefkasten liegt ein Brief von ihr. Ihre Antwort. Seine Zukunft!  Die hellen Sonnenstrahlen machen es ihm fast unmöglich, den Brief zu lesen, die Buchstaben tanzen vor seinen Augen ..."I want to show my gratitude to you..the best thing you ever did for me was leave..best thing you did was walk out of my life..you were never worth my love..why did I not see it...why did I not walk away...when I had so many reasons..I want to thank you..for letting me live my life..you were never worth my time, all you did was waste it..I knew that it had to end, but my heart could not face it..you finally gave me what I need..thank you for that.."

Er geht und geht, ohne zu wissen, wohin, während er den Brief liest, viele Male. Der Schmerz in seiner Brust breitet sich in seinem ganzen Körper aus. Es fühlt sich unerträglich an. Er kann sie nicht erreichen. Warum ist das Leben so? Ist Liebe nicht genug, selbst wenn die Bedürfnisse nicht ganz zueinander passen? Warum ist das so, dass immer der Eine mehr als der Andere liebt?

"..Einer von zweien..liebt immer etwas mehr..einer von zweien..schaut immer hinterher..einer von zweien..fühlt sich schwer wie Blei..der Andere kann gar nichts dafür..für ihn öffnet sich jede Tür..der Andere hängt an niemand..so wie ich an dir..einer von zweien grübelt zu viel..einer von zweien hat kein gerades Ziel..einer von zweien trägt eine Last mit sich rum..und der Andere..."

Der Maler erreicht eine Brücke, aber er kann nicht sehen, wohin sie führt. Er liest den Brief ein letztes Mal und beschliesst, ihn wegfliegen zu lassen, über das Meer hinaus, zum Horizont. Es ist ein gutes Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, die sich nicht rückgängig machen lässt. Er spürt eine neue Sicherheit in sich und wünscht sich, er wäre jetzt zu Hause, um zu malen, malen malen. Das hat ihn immer glücklich gemacht, seine Malerei, selbst wenn, oder gerade deswegen, es schwer ist und viele Niederlagen und Frustrationen beinhaltet. Wenn er malt, ist er sich selbst genug in seiner eigenen Welt, alles reduzierte sich auf ihn und das Bild und den Dialog zwischen ihnen. Nicht, weil es etwa reibungslos ist, weit gefehlt. Er und das Bild können Tag und Nacht diskutieren und sich streiten und aufeinander sauer sein, aber er weiss ja, dass das Bild immer recht haben wird. Deshalb will er nun trotzdem hin und wieder einen Machtkampf heraufbeschwören und seinen Willen durchsetzen, ohne Erfolg, aber es ist ein Versuch wert. Er lächelt bei dem Gedanken daran, dass sie sich fast wie ein Liebespaar benommen haben und wundert sich gleichzeitig darüber, dass er jetzt lächeln kann, obwohl er eigentlich so traurig ist über ihren Brief.

Epilog: Jetzt fühlt er sich ganz stark und frei in seinem neuen Leben, frei wie ein Vogel. Aber ist er das nicht schon immer gewesen? Liegt die Freiheit nicht in jedem Menschen und müssen wir nicht selbst zu ihr finden, jeder für sich auf seine Weise? Es kann viele Jahre dauern, mehr oder weniger gelingen, vielleicht weil wir vergessen, in uns hineinzuhorchen, aber die Freiheit, das Glück, die Liebe und der Glaube an uns  selbst, das alles haben wir in uns, irgendwo.

Die Hummel hat das schon immer gewusst.

 

 

Zitate: Ausschnitte aus Liedtexten von Daniel Johnston, Stefanie Heinzmann sowie Ich&Ich.